17. September 2018
Leserbrief, den ich nie abgeschickt habe
Freiburg ist nicht schön
Ich gebe es zu. Ich fahre gerne Auto und bin nur selten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Diese Woche tat ich es dennoch. Ich bestieg den TPF-Bus und liess mich nach Freiburg kutschieren. Seit der Eröffnung der Poyabrücke überquerte ich seit langer Zeit mal wieder die Zähringerbrücke. Und als ich das tat, hörte mein Herz für einen Moment auf zu schlagen. Der Zugang zu unserer wunderschönen Altstadt wurde in einen Ort verwandelt, der mich an einen Grenzübergang erinnerte.
Durch einen unsäglich hässlichen Maschendrahtzaun blickte ich auf den Turm der Kathedrale und beschloss, dem heiligen Nikolaus sofort eine Kerze zu opfern. Ihn darum zu bitten, die Verantwortlichen dieser schändlichen Tat - auch wenn der Grund für diese ernster, nötiger, wichtiger und sinnvoller nicht sein könnte - auf den rechten Weg zurückzuführen. Aber die Fahrt durch das Bourg-Quartier machte auch diesen Plan Zunichte. Zu bedrückend die leblose Atmosphäre in den wunderschönen aber vernachlässigten Gassen. Ich konnte mich nicht dazu überwinden auszusteigen und fuhr weiter die Alpenstrasse hinauf. Das Kloster der Mageren Au wurde von den alten Weibern des Sommers in goldgelbes Licht getaucht. Diese wunderschöne Stimmung erhellte die meine ein wenig. Ist doch alles gar nicht so schlimm, dachte ich. Für ungefähr fünf Sekunden. Denn vor mir: das Equilibre! Wie konnte man eine so tolle Idee nur so schlecht umsetzen? Wie konnte man einen Ort der Kultur, Inspiration und Begegnung in etwas verpacken, das aussieht, wie einer dieser Roboter aus dem Film Transformer? Aber jetzt steht er da. Dieser schattenspendende, wie vom Himmel gefallene Fremdkörper.
Am Ende meiner Fahrt fühle ich mich um 21 Jahre zurückversetzt. Damals reiste ich während Monaten durch Kanada und die USA. 1997 gehörten Greyhound-Busbahnhöfe zu den übelsten Orten dieser Welt. Wenn man ankam, hörte man auf einmal das Adrenalin in den Ohren rauschen. Der ganze Körper bereitete sich darauf vor, zu flüchten. Bei der Einfahrt in unseren lieblos gestalteten, düsteren, etwas gruseligen Busbahnhof habe ich ein eigenartiges Déjà-vu.
«Fingerspitzengefühl, Fantasie und Eleganz.»
Emotional etwas zerzaust setze ich mich ins Mondial und trinke in der warmen Herbstsonne einen Apérol Spritz. Ich frage mich: Warum um Himmelswillen schaffen wir es in Freiburg nicht, das Gute, Wichtige, Richtige, Nützlich und Nötige mit dem Schönen zu verbinden? Warum hat meine Freundin aus Zürich recht, wenn sie sagt: «Leider erschliesst sich einem die Schönheit Freiburgs nicht auf den ersten Blick! Dafür muss man sich auf eine Art Schatzsuche begeben.»
Die Jungen werden es richten
Meinen Sommerdrink schlürfend beobachte ich das geschäftige Treiben der vielen jungen Menschen vor der Uni. Welche Fakultät, Berufs- oder Fachhochschule sie wohl besuchen? Kunst, Medienwissenschaften, Geschichte, Politik, Theologie, Zimmermann, Elektroniker, Gärtnerin? Und ein Funken Hoffnung steigt in mir auf. Die Hoffnung, dass sich ein paar von ihnen irgendwann einmal um unsere Stadt kümmern werden. Und dass sie dies mit Weitsicht, Respekt, Feingefühl und einem ausgeprägten Verständnis für professionelles Standortmarketing tun werden. Dass sie den Mut finden werden, Fortschritt und Innovation mit Schönheit zu verbinden. Denn diese Menschen würden niemals einen Maschendrahtzaun auf eine Brücke zu einer Altstadt von historischem, wirtschaftlichem, symbolischem und imageförderndem Wert planen, genehmigen und bauen. Auch einen provisorischen nicht. Diese Menschen würden sehr ernst zu nehmende Probleme mit Fingerspitzengefühl, Fantasie und Eleganz lösen.