1. Juli 2020
Grusswort als Präsidentin des Elternrats
Rückblick auf den Lockdown
Müde von der vielen Bewegung und der frischen Bergluft sitzen wir auf dem Sofa in der kuscheligen Ferienwohnung. Hinter uns liegt - bis auf einen wunderbaren Abend im STRUNK in Bern, zu dem der Elternrat das Lehrerteam eingeladen hatte - ein unaufgeregtes erstes Schulsemester. Das Kind schaut sich auf dem Tablet eine Netflix-Serie an. Der Vater checkt auf dem Smartphone seine E-Mails. Und ich verfolge mit einem Ohr die Tagesschau. Sie erzählen irgendetwas von einem Virus, der im fernen China um sich greift und an dem nun anscheinend auch ein paar Menschen in Italien erkrankt sind. Es ist Ende Februar. Unser Leben gleicht dem wolkenlosen Winterhimmel über dem Wallis.
Ab in den Krisenmodus
Etwa einen Monat später besuche ich eine interne Schulung. Mein Arbeitgeber implementiert ein neues Redaktionssystem. Das Programm soll uns dabei helfen, noch digitaler, noch effizienter, noch prozessorientierter zu arbeiten. Das Sitzungszimmer ist mit allem ausgestattet, was die Welt der digitalen Medien zu bieten hat. Die Teilnehmer sitzen vor ihren Laptops sowie Smartphones. Einige nehmen per Skype an der Schulung teil. Es ist Freitagnachmittag und ich bin etwas abgelenkt. Denn mein Blick fällt immer wieder auf den SRF-Live-Ticker auf meinem Handy. Und dann geschieht das Unfassbare: Ab Montag würden alle Schulen zu bleiben! Von einer Sekunde auf die andere werden wir in den Krisenmodus katapultiert. Etwas, das unsere Generation nicht kennt.
Höher, weiter, schneller
Ich bin in einer Zeit gross geworden, in der es so gut wie keine Grenzen gab. Das Motto lautete: höher, weiter, schneller. Die Kurve hatte nach oben zu zeigen. Immer und unbedingt. Der Kalender gut gefüllt mit Terminen, Freizeitaktivitäten und Reiseplänen. Und dann mussten wir übers Wochenende unseren Alltag neu organisieren. Dieser fiese Virus, der vor Kurzem noch so weit weg war, hat uns alle vor nie dagewesene Herausforderungen gestellt. Seit Monaten arbeiteten viele von uns im Homeoffice. Andere müssen an der Front unter extrem schwierigen Bedingungen Höchstleistungen erbringen. Dabei denke ich an die Menschen, die im Gesundheitswesen, im Verkauf oder in der Logistik arbeiten. Und natürlich auch an all die Menschen, die in der Politik und Bildung tätig sind. Ihnen gegenüber können wir unsere Dankbarkeit gar nicht oft genug aussprechen.
«Der Lockdown bedeutete für viele Frauen mehr Home als Office.»
Das Internet ist nicht der Teufel
Schaue ich auf die letzten Wochen und Monate zurück - ziehe ich für mich folgendes Fazit:
Erstens: Es gibt keinen Bereich, keine Branche, kein Land, das nicht von Corona betroffen ist. Wir alle machten uns Sorgen um unsere Liebsten, Mitarbeitenden und unsere Unternehmen und wurden in einer beispiellosen Dynamik mit neuen Technologien und Arbeitsweisen konfrontiert. In der Krise merkten wir aber auch, wie wichtig eine professionelle Kommunikation ist und wie oft wir die digitalen Medien nutzen, um unser Bedürfnis nach Informationen zu stillen. Ich finde, unsere Schule hat sich hier so richtig ins Zeug gelegt. Dafür bedanke ich mich herzlich bei der Schulleitung aber auch beim Lehrerteam, die alles in ihrer Macht liegende taten, um den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten.
Zweitens: Eine leere Agenda zu haben, hat durchaus seinen Reiz. Statt mich selbst zu entschleunigen, hat dies COVID-19 für mich getan. Dankbar dafür, dass wir uns nie an eine Ausgangssperre halten mussten, habe ich die Schönheit und die Ruhe in unserer Region wieder schätzen gelernt und die qualitative Zeit mit meiner Familie genossen.
Drittens: Eine nicht repräsentative Umfrage im persönlichen Umfeld ergab, dass der Lockdown für viele berufstätige Frauen und Mütter mehr Home als Office bedeutete. Sie kümmerten sich um den Haushalt, um einen stets gefüllten Kühlschrank und gedeckten Tisch, managten das Homeschooling, betreuten die zur Risikogruppe gehörenden Grosseltern, bespassten ihr Kinder, damit diese nicht Nonstop am Tablet hingen und erledigten nebenbei auch noch ihren Job. Diese Krise zeigt uns, wie tief das traditionelle Rollenbild in uns verwurzelt ist. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist lediglich eine Feststellung, über deren Konsequenzen wir uns Gedanken machen sollten.
Viertens: Innerhalb einer Woche lernte mein Kind, dass das Internet nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zur Wissensvermittlung da ist. Es entdeckte Plattformen wie, myShool.ch, fragfinn.de sowie blindekuh.de und lernte die Youtuber Lehrer Schmidt und Daniel Jung kennen. Mir ist durchaus bewusst, dass nicht alle Familien den gleichen Zugang und nicht alle Lehrerinnen und Lehrer die gleiche Affinität zu den digitalen Medien haben. Im Sinne der Chancengleichheit scheint mir das aber von grösster Wichtigkeit zu sein. Ich wünsche mir, dass unsere Kinder befähigt werden, diese Werkzeuge sinn- und verantwortungsvoll zu nutzen, damit sie gestärkt ihren schulischen und beruflichen Weg gehen können. Die Aufgabe von uns Eltern, den Lehrerinnen und Lehrern sowie den Behörden ist es, sie auf diesem Weg zu begleiten und ihnen das nötige Wissen und die wichtigsten Tools zur Verfügung zu stellen.
Mut und Zuversicht
Genau wie der Corona-Virus wird auch die zunehmende Digitalisierung nicht einfach verschwinden. Wir können hadern, weil das Schulfest nicht durchgeführt werden konnte und wir können Instagram, SnapChat und TikTok für die kollektive Verblödung unserer Kinder verantwortlich machen. Oder aber wir konzentrieren uns auf die positiven Aspekte, welche diese verrückten Zeiten in sich bergen. Wir suchen kreative Lösungen, trennen uns von alten Zöpfen und setzen uns kritisch mit den digitalen Medien auseinander. Vor allem und unbedingt wünsche ich mir aber, dass wir uns neugierig, zuversichtlich und mutig den künftigen Herausforderungen stellen. Privat, beruflich, politisch und im Bildungswesen.